Sütterlin

Schriftmuster der Sütterlinschrift (Ersatzdarstellung mit der freien Schrift GL-Suetterlin): Schriftname, Beispielsatz und Alphabet in deutscher Schreibschrift.

Sütterlin als Ersatzdarstellung mit der freien Schrift GL-Suetterlin, gerendert aus der Schriftdatei.

Sütterlin ist eine deutsche Schreibschrift, die der Berliner Grafiker Ludwig Sütterlin ab 1911 im Auftrag des preußischen Kultusministeriums als vereinfachte Schulausgangsschrift entwarf. Ab 1915 in Preußen eingeführt, prägte sie bis zum Normalschrifterlass 1941 den Handschriftunterricht und wirkt heute auf viele wie eine Geheimschrift.

Zeitraum: entworfen ab 1911, eingeführt ab 1915, unterrichtet bis 1941

Wer alte Familienbriefe, Feldpost, Tagebücher oder Urkunden aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor sich hat, stößt fast zwangsläufig auf die Sütterlinschrift. Für Generationen von Schulkindern war sie die selbstverständliche Handschrift, heute erscheint sie vielen wie ein Rätsel. Dieses Porträt zeichnet nach, wer Ludwig Sütterlin war, wie seine Schrift entstand, wie sie sich zur älteren Kurrentschrift verhält, wann und warum sie aus den Schulen verschwand, woran Sie sie erkennen und wie Sie sie Schritt für Schritt wieder lesen lernen.

Steckbrief

EntwerferLudwig Sütterlin (1865–1917), Grafiker und Kunstpädagoge in Berlin
Auftrag / Jahrpreußisches Kultusministerium, Entwurf ab 1911
Einführungab 1915 in Preußen, ab Mitte der 1930er reichsweit als „deutsche Volksschrift“
EndeNormalschrifterlass 1941; danach lateinische Schreibschrift
GattungHandschrift; vereinfachte, steilgestellte Form der deutschen Kurrentschrift
Merkmalesteile statt schräge Lage, gleichmäßige Strichstärke, festes Verhältnis von Ober-, Mittel- und Unterlänge, langes „ſ“
Verwandte SchriftenDeutsche Kurrentschrift, Kanzleischriften, Fraktur (Druckschrift)
KategorieAlte Schriften

Wer war Ludwig Sütterlin, und wie entstand die Schrift?

Die Sütterlinschrift geht auf den Berliner Grafiker und Kunstpädagogen Ludwig Sütterlin (1865–1917) zurück, der sie ab 1911 im Auftrag des preußischen Kultusministeriums entwarf. Ziel war eine leichter erlernbare Ausgangsschrift für den Schreibunterricht an den Volksschulen – eine Schrift, die Kinder mit einfacheren Bewegungen und einer klareren Struktur schneller beherrschen sollten als die traditionelle, kunstvoll verschnörkelte Kurrentschrift.

Sütterlin war zu dieser Zeit ein gefragter Gestalter: Er unterrichtete an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums in Berlin, entwarf Plakate, Gebrauchsgrafik und Exlibris und beschäftigte sich intensiv mit der Frage, wie Handschrift methodisch zu lehren sei. Sein pädagogischer Kerngedanke war die Vereinfachung: Er stellte die Buchstaben steil statt schräg, verzichtete auf Schwellzüge mit wechselnder Strichstärke und gliederte die Zeile in ein festes Verhältnis von Ober-, Mittel- und Unterlänge, meist im Verhältnis 1:1:1. So entstand ein ruhiges, gleichmäßiges Schriftbild, das mit einer gleichmäßig geführten Feder – auch mit der damals neuen, weniger druckempfindlichen Feder – gut zu schreiben war.

Sütterlin entwarf parallel zwei Formen: eine deutsche Ausgangsschrift, die als „Sütterlinschrift“ bekannt wurde, und eine entsprechende lateinische Ausgangsschrift für die Antiqua-Buchstaben. Im allgemeinen Sprachgebrauch meint „Sütterlin“ heute fast immer die deutsche Variante, also die vereinfachte Kurrentschrift.

Wie hängt Sütterlin mit der Kurrentschrift zusammen?

Sütterlin ist keine völlig neue Erfindung, sondern die jüngste, vereinfachte Spätform der deutschen Kurrentschrift. Die Kurrentschrift war seit dem 16. Jahrhundert die übliche deutsche Handschrift – eng, spitz, schräg gestellt und variantenreich. Über Jahrhunderte hatte sich ein Formenreichtum angesammelt, der Schülern das Erlernen erschwerte: viele Schleifen, wechselnde Strichstärken und regionale Eigenheiten.

Sütterlin dampfte diesen Formenschatz auf ein lernbares Grundgerüst ein. Er richtete die schrägen Buchstaben auf, vereinheitlichte die Proportionen und reduzierte die Zierformen. Wer Sütterlin lesen kann, versteht deshalb oft auch ältere Kurrenttexte – muss sich dort aber auf mehr Varianten, stärkere Neigung und individuellere Hände einstellen. Umgekehrt ist Sütterlin gewissermaßen die aufgeräumte Einstiegsstufe in die ältere deutsche Schreibschrift.

Weil Sütterlin auf der Kurrenttradition aufbaut, teilt sie deren Grundzeichen: dieselben Sonderformen für Buchstaben wie e, n, m und h, das lange „ſ“ im Wortinneren und dieselben typischen Verbindungen. Der Unterschied liegt vor allem in Neigung, Gleichmäßigkeit und Zierrat, nicht im grundlegenden Alphabet.

Wann wurde Sütterlin unterrichtet – und warum verschwand sie?

Die Schrift wurde ab 1915 zunächst versuchsweise in Preußen eingeführt und setzte sich in den 1920er-Jahren an den Schulen durch. Mitte der 1930er-Jahre wurde eine auf Sütterlin beruhende Form als „deutsche Volksschrift“ reichsweit verbindlich unterrichtet – für viele Jahrgänge war Sütterlin damit schlicht „die Schulschrift“.

Das Ende kam abrupt und aus ideologischen Gründen. Mit dem sogenannten Normalschrifterlass von 1941 verfügte das NS-Regime, die gebrochenen Schriften und die deutsche Schreibschrift aufzugeben. In einer geschichtlich absurden Wendung wurden die traditionellen deutschen Schriften propagandistisch als „Schwabacher Judenlettern“ diffamiert; künftig sollten die lateinische Antiqua im Druck und eine lateinische Schreibschrift in der Schule gelten. Praktisch spielten dabei auch Lesbarkeit in den besetzten Gebieten und die Vereinheitlichung mit dem lateinischen Alphabet eine Rolle.

Nach dem Krieg kehrte die Sütterlinschrift nicht in den Regelunterricht zurück. Damit riss die Überlieferungskette: Wer nach 1941 eingeschult wurde, lernte sie in der Regel nicht mehr. Genau daraus erklärt sich, warum heute schon Enkel die Briefe ihrer Großeltern nicht mehr entziffern können – nicht weil die Schrift besonders schwer wäre, sondern weil die alltägliche Übung fehlt.

Gänzlich verschwunden ist Sütterlin trotzdem nie. In einigen Bundesländern blieb sie regional noch bis in die 1950er-Jahre als Zweitschrift lebendig, und bis heute wird sie von Ahnenforschern, Heimatvereinen, Archiven und ehrenamtlichen „Sütterlinstuben“ gepflegt, in denen erfahrene Leserinnen und Leser alte Dokumente für Familien übersetzen. Für die Genealogie ist die Schrift ein Schlüssel: Kirchenbücher, Standesamtsregister, Grundbücher und private Nachlässe des 19. und frühen 20. Jahrhunderts sind überwiegend in Kurrent und Sütterlin geschrieben.

Woran erkennt man Sütterlin?

Sütterlin erkennen Sie an ihrer betont steilen, gleichmäßigen Form – anders als die schräg liegende lateinische Schreibschrift steht sie fast senkrecht. Die Striche sind überall etwa gleich stark, weil Sütterlin bewusst auf die druckabhängigen Schwellzüge älterer Schriften verzichtet.

Typische Erkennungsmerkmale im Detail:

  • steile, aufrechte Buchstaben statt der geneigten lateinischen Schrift
  • gleichmäßige Strichstärke ohne dick-dünn-Wechsel
  • das lange „ſ“ im Wortinneren, das wie ein „f“ ohne Querstrich aussieht
  • eigenwillige Formen für e, n, m und h, die aus ähnlichen Auf- und Abstrichen bestehen
  • charakteristische Schleifen und Verbindungen zwischen den Buchstaben
  • ein festes Verhältnis von Ober-, Mittel- und Unterlänge, das der Zeile Ruhe gibt

Besonders tückisch sind die Buchstaben e, n und m: Sie werden aus fast gleichen Strichen gebildet und lassen sich nur an der Zahl und Anordnung der Zacken unterscheiden. Auch das „u“ trägt oft einen kleinen Bogen darüber, um es vom „n“ abzugrenzen – ein Detail, das beim Lesen sehr hilft.

Wie liest und entziffert man Sütterlin heute?

Sütterlin lässt sich mit einer Buchstabentabelle und etwas Geduld in wenigen Wochen zuverlässig lesen. Der Schlüssel ist, nicht Buchstabe für Buchstabe zu raten, sondern ganze Wörter und den Zusammenhang zu erfassen. Diese Schritte haben sich bewährt:

  • Verschaffen Sie sich zuerst einen Überblick über das ganze Wort und den Satz, statt einzelne Zeichen isoliert zu entziffern.
  • Legen Sie eine Sütterlin-Buchstabentabelle daneben und vergleichen Sie unklare Zeichen direkt mit der Vorlage.
  • Achten Sie gezielt auf das lange „ſ“ im Wortinneren und das runde „s“ am Wortende – diese Regel klärt viele vermeintliche „f“.
  • Lesen Sie zuerst bekannte Wörter: Namen, Orte, Datumsangaben und häufige Wörter wie „und“, „der“, „die“ geben Halt und liefern Vergleichsbuchstaben.
  • Schreiben Sie schwierige Passagen mit der Hand ab; das Nachziehen der Bewegungen schult das Auge schneller als bloßes Anschauen.

Für längere Nachlässe lohnt sich das systematische Vorgehen: erst eine Seite grob überfliegen, dann sichere Wörter markieren und von dort aus die Lücken schließen. Eine automatische Erkennung per Bild-Upload bereiten wir vor; bis dahin sind Buchstabentabellen und das schrittweise Entziffern der verlässlichste Weg. Wer regelmäßig übt, liest nach kurzer Zeit auch verblasste Feldpost oder eng beschriebene Tagebuchseiten wieder flüssig.

Sütterlin, Kurrent oder Fraktur – wo liegt der Unterschied?

Diese drei Begriffe werden oft verwechselt, meinen aber Unterschiedliches. Sütterlin und Kurrent sind Handschriften, Fraktur ist eine Druckschrift. Sütterlin ist die jüngere, vereinfachte Form der älteren Kurrentschrift; beide werden mit der Hand geschrieben und stehen in der Tradition der deutschen Schreibschriften.

Die Fraktur dagegen ist die „gebrochene“ Druckschrift, die man aus alten Büchern und Zeitungen kennt. Sie besteht aus sauber gegossenen, gleichmäßigen Lettern und wird nicht handschriftlich, sondern im Buchdruck gesetzt. Wer Sütterlin liest, hat es also mit einer individuellen Hand zu tun; wer Fraktur liest, mit einer maschinell gesetzten Schrift. Die pauschale Bezeichnung „altdeutsche Schrift“ verwischt genau diesen Unterschied – für das Entziffern ist die Trennung von Handschrift und Druckschrift entscheidend. Eine Übersicht über alle drei bietet unser Hub zu den alten Schriften.

Häufige Fragen zu Sütterlin

Ist Sütterlin dasselbe wie Kurrent?

Nicht ganz. Sütterlin ist die im 20. Jahrhundert vereinfachte, steilgestellte Form der älteren deutschen Kurrentschrift. Kurrent ist älter, schräger und variantenreicher; Sütterlin ist gewissermaßen die aufgeräumte Schul-Ausgabe davon.

Warum ist Sütterlin heute so schwer zu lesen?

Vor allem, weil die Übung fehlt. Nach dem Normalschrifterlass 1941 wurde Sütterlin nicht mehr flächendeckend unterrichtet. Zusätzlich sehen Buchstaben wie e, n und m ungewohnt aus und das lange „ſ“ wird leicht mit „f“ verwechselt.

Kann man Sütterlin heute noch lernen?

Ja. Mit einer Buchstabentabelle und etwas Übung lässt sich Sütterlin in wenigen Wochen zuverlässig lesen. Das eigene Schreiben ist dabei die beste Übung, weil es die Bewegungsformen einprägt.

Was bedeutet das lange „ſ“?

Das lange „ſ“ ist eine Sonderform des Buchstabens s. Es steht am Wortanfang und im Wortinneren, während das runde „s“ am Wortende erscheint. Es sieht aus wie ein f ohne Querstrich und ist eine der häufigsten Fehlerquellen beim Lesen.

Von wem stammt die Sütterlinschrift?

Von dem Berliner Grafiker Ludwig Sütterlin (1865–1917). Er entwarf sie ab 1911 im Auftrag des preußischen Kultusministeriums als vereinfachte Ausgangsschrift für den Schulunterricht.

Sie möchten alte Handschriften und Druckschriften sicher einordnen? Der Überblick zu den alten Schriften zeigt Kurrent, Sütterlin und Fraktur im Zusammenhang und hilft beim Entziffern.

Alte Schriften im Überblick